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Qigong als Tradition? III - Schulen im DaoismusWumi - die fünf daoistischen GeheimschulenIm Daoismus unterscheidet man zwischen philosophischem (daojia) und religiösem Daoismus (daojiao). Diese Unterscheidung kann von Außenstehenden nicht immer klar erkannt werden, da beide sich in Theorie und Praktiken vielfach vermischen und viele historisch bekannte, nichtreligiöse Daoisten auch im religiösen Daoismus Zuflucht und Ruhe suchten. Geschichtlich betrachtet ist der philosophische Daoismus älter als der religiöse. Meist führen nichtreligiöse Daoisten äußerlich ein weltliches Dasein wie einfache Bürger, während daoistische Mönche in Klöstern leben und einheitliche Tracht tragen. Inhaltlich strebt der nichtreligiöse Daoismus nach philosophischen Theorien und folgt den Prinzipien Ziran (Natur, natürlich sein), Wuwei ("Nichthandeln") und Fanben (Rückkehr zur Wurzel). Der religiöse Daoismus strebt dagegen nach theologischen Theorien, handelt nach Youwei (Gegenteil von Wuwei) und verehrt Gottheiten und Heilige. Was die meditativen Praktiken angeht, so sind alle wichtigen Methoden in den fünf Geheimschulen des nichtreligiösen Daoismus, in meditativen Kreisen wumi genannt, enthalten. Von dreien dieser Schulen, nämlich von Dandingmen, Fulumen und Xuanzhenmen, stammen die meditativen Praktiken des religiösen Daoismus. Taijimen Taijimen gilt als die höchste Schule des nicht religiösen Daoismus. In Theorie und Praktiken folgt sie konsequent den besagten drei daoistischen Grundprinzipien Ziran, Wuwei und Fanben. Die Praktiken beginnen mit körperlicher und geistiger Entspannung, indem man versucht, die Kontrolle über den eigenen Körper und Geist, die man sich durch das Erwachsenwerden angeeignet hat, aufzugeben. Körper und Geist geraten dadurch in scheinbar chaotische Bewegung, wobei man klar bei Bewußtsein ist. Diese Phase wird die "Stehübung des Wuji in zehn Richtungen" (shifang wuji dang) genannt und dient der Eröffnung der eigentlichen Praktiken. Durch diese Phase kommt man allmählich in die sogenannte "Formbewegung des Taiji in neun Positionen" (jiugong taiji jia), die erste der insgesamt neun Stufen der eigentlichen Praktiken. Die Praktiken sind dann beendet, wenn man die letzte Stufe verlassen hat. Erst dann begreift man, was Wuwei, Ziran und Fanben eigentlich bedeuten. Die neun Stufen, die alle ein Geheimnis in sich bergen, bilden drei größere Einheiten, die jeweils vorwiegend auf die körperliche, die Qi- und die geistige Ebene wirken. Diese drei Einheiten mit ihren neun Geheimnissen, sangong jiumi genannt, stellen den Kern der meditativen Praktiken dieser Schule dar. Methodisch zeichnet sie sich dadurch aus, daß es keine Anweisung für die Praktizierenden gibt. Das Geheimnis der jeweiligen Stufe muß der Schüler selbst lüften. Der Inhalt jeder Stufe wird ihm erst dann mitgeteilt, wenn der Praktizierende die nächst höhere Stufe erreicht hat. Diese Schule wurde Jahrhunderte lang so geheim gehalten, daß jede Generation nur einen einzigen Lehrer und einen einzigen Schüler hatte. Als einzige der fünf Geheimschulen des nichtreligiösen Daoismus trat sie in den 80er Jahren durch ihren jetzigen Stammhalter, Dao-Meister Fangfu, im bürgerlichen Leben Prof. Lu Jinchuan, in die Öffentlichkeit. Die Übungsmethode blieb aber aus dem Prinzip des Wuwei weitestgehend unverändert, das heißt, geheim. Dandingmen Die bekannteste Schule ist Dandingmen (die Schule des Dreifußes zur Herstellung der "Unsterblichkeitspille"), auch die Schule der inneren Alchemie genannt. Sie stammt von der sogenannten äußeren Alchemie ab und hat auch weitgehend deren Begriffe übernommen. Ihre Praxis beginnt mit Atemtechniken und geistiger Konzentration und besitzt ebenfalls neun Stufen. Das Ziel ist die so genannte Unsterblichkeitspille der neunfachen Umwandlung, die nicht in irgendeiner materialisierten Form zu fassen ist, sondern den sogenannten ursprünglichen Geist (yuanshen) darstellt. Die konkreten Methoden dieser Schule sind besonders seit dem 14. Jahrhundert Opfer von Spekulationen und Fälschungen, da die Übungen stets geheim gehalten werden. Die Überlieferung erfolgt schriftlich in Geheimsprache und mündlich in Geheimformeln. Bei der einzigen schriftlichen Überlieferung geht es um Wei Boyangs "Zhouyi cantong Qi" aus der Östlichen Han-Dynastie (25-220). Über dieses Buch gibt es in China weit mehr als 40 Kommentarwerke. Eingeweihte halten die Kommentare allerdings für unbrauchbar, denn Wei Boyang beschrieb die Übungen und die daraus abgeleiteten Erfahrungen mit Metaphern, da diese nicht mit der Sprache zu fassen sind. Die Metaphern können nur Übende mit den entsprechenden Erfahrungen verstehen. Andererseits bedeutet die Herausbildung der sogenannten Unsterblichkeitspille einen langwierigen Prozeß, der mit vielerlei Risiken und sogar Lebensgefahr verbunden ist. So sah sich Wei Boyang gezwungen, seine Schulung so aufzubauen, daß der Leser stets nach den anfangs verständlichen Anweisungen üben und somit bestimmte Erfahrungen machen muß, um das nächste Kapitel verstehen zu können. Auf diese Weise sollte der Leser schrittweise und sicher in die Praktiken eingeführt werden. Dieses Verfahren ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. In manchen Situationen, z.B. beim "Anfachen des Feuers" oder beim "Kontrollieren der Temperatur" während der Heranbildung der "Pille", ist direkte Hilfe eines Meisters unerläßlich. Deshalb erfolgt die Überlieferung hauptsächlich mündlich. Dabei geht es um in lyrisch metaphorischen Formeln beschriebene Übungserfahrungen und -anweisungen, die ohne Erläuterung unverständlich bzw. mißverständlich sind. Die Erläuterung der Formeln, die Einweihung in bestimmte Methoden also, erfolgt strikt unter vier Augen. So kann Dandingmen seine Übungsinhalte bis heute geheim halten, auch wenn manche Begriffe vom Namen her größeren Kreisen bekannt sind. Hier sei kurz erwähnt, daß der heutige religiöse Daoismus eine Abspaltung von Dandingmen darstellt. Wang Chongyang (1113-1170) lernte zuerst die Kunst der Herstellung der Unsterblichkeitspille und versuchte danach, aus Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus eine Synthese zu schaffen. Nach buddhistischem Vorbild führte er das Zölibat ein. Seine Richtung wurde die kleine Dan-Schule genannt (xiao danmen), von ihm selbst aber die Schule des "Vollständigen Wahren" (quanzhen). Qiu Chuji (1148-1227), der bekannteste seiner sieben Schüler, überzeugte Dschingis Chan derart, daß er von diesem zum Oberhaupt des Daoismus erklärt wurde. Kubilai, Enkel von Dschingis Chan und Gründer der Yuan-Dynastie, machte die Richtung dann zur Staatsreligion und vollzog somit die Spaltung von Dandingmen. Seitdem werden Theorie und Praktiken der Quanzhen-Schule nur an daoistische Mönche weitergegeben. Als Gegenmaßnahme von Dandingmen und anderen Schulen, die unter dem Namen Zhengyi (die richtige Rückkehr zu dem Einen) zusammengefaßt wurden, wurden deren Theorien und Praktiken nur an weltliche Schüler weitergegeben. Mit Ausnahme von Taijimen halten sich alle Schulen noch heute an diese Regel. Jianxianmen Zusammen mit Taijimen und Dandingmen bildet Jianxianmen (die Schule der Unsterblichen des Schwertes), auch "Schwertschule" genannt, die drei großen der fünf Geheimschulen. Wie in der Schule der inneren Alchemie beginnt man in der Schwertschule ebenfalls mit Atemtechniken und geistiger Konzentration, nur ist der Schwerpunkt etwas anders. Bei den ersten drei Stufen der Praktiken wird das Qi zum "Schwert" geformt (eine Metapher für das länglich schmal geformte Qi). Auf den mittleren drei Stufen geht es darum, das Qi-Schwert anzuwenden. Auf den letzten drei Stufen wird man der Schwertkörper des wahren Einen und schafft somit das Schwert der neunfachen Umkehr. Der letzte Schritt ist die Rückkehr zu Wu, die Vereinigung von Qi und Geist. In der ausgehenden Ming-Dynastie existierten vier Strömungen dieser Schule, die sich in Mitte der Qing-Dynastie zur nördlichen und südlichen Schule vereinigten. In der nördlichen Richtung kultiviert man das Schwert des Bauchs, bei der Anwendung kommt das Qi aus der Nase und dem Mund. Es gibt angeblich noch Menschen, die diese Richtung praktizieren, doch derer Aufenthaltsort ist nicht bekannt. In der südlichen Schule kultiviert man das Schwert der Hand, bei der Anwendung kommt das Qi aus der Hand. Von dieser Richtung gibt es anscheinend noch einige Meister, die anonym in Südchina leben. Die Hauptlinie ist aber schon seit längerem in Taijimen aufgegangen. Bei den übrigen beiden Schulen handelt es sich um Fulumen und Xuanzhenmen, die auch im religiösen Daoismus praktiziert werden. Diese Schulen haben eine starke religiöse Färbung und stellen die eigentlichen Traditionslinien des religiösen Daoismus dar. Fulumen Die "Schule der Zaubersprüche und Zauberzeichen" lehrt u.a. Magie oder Schamanentechniken wie Regenmachen oder Geistervertreibung. Sie ist die älteste Schule des gesamten Daoismus. Archäologische Funde belegen, dass spätestens in der Shang-Zeit bereits verschiedene schamanistische Techniken angewendet wurden. Als eine eigenständige Schule ist Fulumen allerdings jedoch erst später entstanden. Etymologisch gesehen hat der chinesische Schamanismus den gleichen Ursprung wie die TCM. Das alte Zeichen für Medizin, yi, hat wu, Schamanin, als sinngebendes Radikal. Viele bekannte Ärzte wie Bian Que aus der Zeit der Streitenden Reiche oder Sun Simiao (581-682) waren gleichzeitig auch Heiler schamanistischer Art. Bei den meditativen Praktiken dieser Schule geht es um die Anwendung von Qi und geistiger Kraft. Dabei stehen Zaubersprüche und -zeichen sowie die Tanzschritte des Großen Yu (yu bu) zeremoniell im Mittelpunkt. Diesen wird Wunderkraft zugesprochen. In Wirklichkeit dienen sie zur Qi- und Geisteskonzentration. Die wundertätigen Sprüche und Zeichen sowie Tanzformen sind lediglich sichtbare Mittel. Das, was tatsächlich wirkt, sind Qi und Geist. Da es zu allen Zeiten viele selbst ernannte Schamaninnen und Schamanen gab, war der Schamanismus schon sehr früh in Verruf geraten. So heißt es bereits vor dem 2. Jahrhundert v.Chr.: "Wer nicht der Medizin, sondern einer Schamanin vertraut, ist nicht heilbar." Andererseits gab und gibt es seriöse Schamaninnen und Schamanen, die ihre Kunst aufrichtig kultivieren. Xuanzhenmen Die "Schule des Unergründlichen Wahren" ist ebenfalls sowohl im religiösen als auch im nichtreligiösen Daoismus tradiert. Folgende Gedichtzeilen verdeutlichen den Inhalt ihrer Praxis: "Hälfte aus Fulu und Hälfte aus Danding, Verehrung dem Laozi und einem Drittel Daodejing." Laozi wird in dieser Schule häufig zitiert, ihre Praktiken haben jedoch nicht viel mit Laozis Philosophie gemeinsam: in ihr werden hauptsächlich die so genannten Wundertechniken kultiviert. Xuanzhenmen hat ebenfalls eine lange Geschichte. Ihre wichtigsten Vertreter, die Maoshan-, Laoshan- und die Qingchengshan-Richtung, waren schon in der späteren Han-Zeit entstanden. Aus der Ming- und Qing-Zeit sind mindestens ein Dutzend weitere Richtungen überliefert. Bei den Praktiken von Xuanzhenmen geht es darum, durch die Kultivierung der Wundertechniken den Weg zum Dao zu finden, um dann dem Dao entsprechend die Kunst der Unsterblichkeitspille (dan) zu erwerben. Beide Schulen, Fulumen und Xuanzhenmen, sind stark religiös gefärbt und von missionarischem Charakter. Da sie zu sehr auf die Wundertechniken und deren Anwendungen bedacht sind, werden sie niedriger eingestuft als die ersten drei Schulen. Nach Etablierung der drei buddhistischen und der fünf daoistischen Schulen als die führenden in der Tang-Zeit nahm die Entwicklung der meditativen Praktiken eine andere Richtung. Anstatt weiterer Vervielfältigung der Methoden geht es seitdem um Verfeinerung der vorhandenen Methoden und die Vertiefung des Erkenntnisstandes. Diese Tendenz hat sich trotz des von politischer Unterdrückung und Verfolgung verursachten Generationenbruchs von den 50er bis 80er Jahren nicht verändert. (Eine ausführlichere Fassung liegt vor. Interessierte Verleger bitte beim Verfasser melden) ![]() |
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